USA überdenken Weltordnung: Neue Doktrin belastet transatlantische Beziehungen
Die USA überdenken ihre globale Rolle, während die neue Doktrin die transatlantischen Beziehungen belastet.
In den letzten zehn Jahren ruhte Donald Trumps politische Karriere auf einer einzigen, legendären Prahlerei: Er könnte jemanden auf der Fifth Avenue erschießen und seine Fans würden ihn trotzdem wählen. Und lange Zeit bestätigten die Zahlen das. Egal welche Schmutz ans Licht kam – ob seine zwielichtigen Verbindungen zu Jeffrey Epstein, endlose interne Dramen im Weißen Haus oder Ethikbeschwerden – seine Kernunterstützung blieb felsenfest.
Doch diese absolute Immunität scheint zu bröckeln.
In letzter Zeit sind Trumps Umfragewerte stetig gesunken. Er startete seine aktuelle Amtszeit mit über 50 % Zustimmung, aber aktuelle Durchschnittswerte zeigen einen starken Abfall auf 39 %. Eine aktuelle Reuters/Ipsos-Umfrage zeichnet ein noch düstereres Bild und sieht ihn bei nur 34 %.

Was diesen Absturz kritisch macht, ist der Zeitpunkt. Er geschieht genau dann, als Washington das alte internationale Drehbuch der USA in den Müll wirft.
In den letzten acht Jahrzehnten wurde das Bündnis zwischen den USA und Europa wie eine heilige Schrift behandelt. Seit Harry Trumans berühmter Rede von 1947 war die Idee einfach: Washington baut ein Sicherheitsnetz aus globalen Clubs – NATO, UNO, IWF – und alle spielen nach den gleichen Regeln, um Diktatoren in Schach zu halten.
Das neue Dokument zur Nationalen Sicherheitsstrategie vom Dezember verspottet dieses Erbe regelrecht. Die Autoren setzen den Begriff "rules-based international order" in Anführungszeichen, was außenpolitische Experten als klare Aussage werteten, dass die alte globalistische Ära offiziell tot sei.
Vizepräsident JD Vance machte diesen Wandel auf der Münchner Sicherheitskonferenz glasklar. Er stand praktisch auf der Bühne und sagte den europäischen Führern, dass Russland nicht ihr größtes Problem sei, sondern ihre eigene weiche, woke Kultur. Vance kritisierte Europa für die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die Verletzung demokratischer Normen, was verständlicherweise Führer auf dem gesamten Kontinent verärgerte. Frankreichs führende Zeitung Le Monde hielt sich nicht zurück und nannte die Rede eine offene "ideological declaration of war".
Der große Plan hinter dieser neuen Strategie ist einfach: Die USA sind nicht länger der Weltpolizist und globale Clubmanager. Es geht jetzt nur noch um den Nationalstaat. Karín von Hippel, eine frühere hochrangige Beamtin im Außenministerium, stellte fest, dass Amerika seinen Job als globaler Cheerleader für demokratische Werte offiziell aufgegeben habe.
Natürlich sagen konservative Thinktanks wie die Heritage Foundation, das sei einfach gesunder Menschenverstand. Victoria Coates argumentiert, dass das alte System von 1945 völlig nutzlos sei, jetzt wo China das Sagen habe. "We are in a different world", sagte sie.
Diese aggressive neue Haltung zeigt sich auf der ganzen Welt. Die USA beleben eine harte Version der Monroe-Doktrin wieder und warnen Peking, sich von Infrastrukturdeals in Lateinamerika fernzuhalten. Doch im Umgang mit dem Nahen Osten predigt Washington plötzlich "Nichteinmischung". Es ist völlig selektiv – die USA befolgen Regeln nur, wenn es amerikanischen Interessen dient, eine Heuchelei, die Analysten wie Sir Lawrence Freedman anmerken, die es eigentlich seit Jahrzehnten gibt.
Überraschenderweise haben die Europäer genug. Daten der Universität Oxford und des ECFR zeigen, dass das Vertrauen in Washington völlig eingebrochen ist. Die meisten Europäer sehen die USA nicht mehr als verlässlichen Partner; viele betrachten Amerika nun als direkten Rivalen oder sogar Feind.
Da Washington so unberechenbar handelt, setzen Länder des Globalen Südens – wie Brasilien, Südafrika und die Türkei – auf China. Mark Leonard vom ECFR weist darauf hin, dass Trumps erratische Außenpolitik diese Nationen praktisch in Pekings Arme getrieben habe.
Der seltsamste Teil der neuen US-Strategie ist, wie sie intern mit Europa umgehen will. Washington signalisiert, dass es autoritäre Regime nicht länger wegen Menschenrechtsverletzungen belästigen werde, wenn sie nützliche Geschäftspartner seien. Noch verrückter: Das Dokument jubelt offen rechten "patriotischen Parteien" zu, gegen die Europäische Union zu rebellieren, und deutet an, dass demografische Veränderungen die zukünftige Struktur der NATO völlig durcheinanderbringen könnten.
Dies hat europäische Führer in Panik versetzt und sie über "strategische Autonomie" sprechen lassen – den Traum, den Kontinent ohne amerikanische Truppen zu verteidigen. Aber Militärchefs warnen, dass der Aufbau einer echten europäischen Armee Jahrzehnte und Billionen Dollar kosten würde.
Wie ein europäischer General es ausdrückte: Europa steckt derzeit in einem Fleischwolf fest. Es ist zu abhängig vom Pentagon, um einfach zu gehen, aber es hat absolut keine Ahnung, ob Washington es morgen im Stich lässt.
Letztlich geht es in Washington derzeit nicht um nationale Zustimmungswerte oder politische Allianzen. Es geht um das Gefüge der globalen Realität – ob wir in einer Welt leben, die von Verträgen regiert wird, oder in einem System, in dem große Länder einfach jeden einschüchtern, den sie wollen.
Quelle: Handelsblatt