Deutsche Rentenkommission schlägt umfassende Reform mit höherem Renteneintrittsalter und neuer kapitalgedeckter Säule vor

Die Rentenkommission hat rund 30 Empfehlungen vorgelegt, darunter ein höheres Renteneintrittsalter und eine kapitalgedeckte Säule. Die Reformvorschläge sollen noch diesen Monat der Regierung übergeben werden.
Die Vorschläge der Kommission, bekannt als Rentenkommission, sollten voraussichtlich noch in diesem Monat offiziell an Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas übergeben werden, doch Details wurden am Wochenende an deutsche Medien durchgestochen, darunter das Handelsblatt und öffentlich-rechtliche Sender.
Der Durchstich erfolgt, während die Koalitionsregierung darauf drängt, vor der Sommerpause ein breiteres Reformpaket fertigzustellen, wobei die Renten zu den politisch sensibelsten Elementen gehören. Beamte hatten die Arbeit der Kommission monatelang weitgehend vertraulich gehalten, wobei die Mitglieder über einen Zeitraum von fünf Monaten regelmäßig zusammentrafen, um eine langfristige Stabilisierung des Systems zu entwerfen.
Laut Berichten des ARD-Hauptstadtstudios entwickelte die Kommission rund 30 Empfehlungen mit dem Ziel, die Rentenfinanzierung angesichts der alternden Bevölkerung und schrumpfenden Erwerbsbevölkerung in Deutschland zu sichern. Eine Kernidee ist es, den Kreis der Beitragszahler in der gesetzlichen Rentenversicherung schrittweise zu erweitern, indem Selbstständige, Beamte und Bundestagsabgeordnete einbezogen werden. In vielen Fällen soll dies nur für Neuzugänge gelten, mit Übergangsregelungen für bestehende Gruppen.
Ein weiterer wichtiger Pfeiler ist die Einführung einer obligatorischen, kapitalgedeckten Zusatzrente, die sich teilweise am schwedischen System orientiert. Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sollen in einen staatlich verwalteten Fonds fließen, der die derzeitige umlagefinanzierte Struktur ergänzen soll. Die Kommission sieht nach eigenen Angaben einen Beitragsbeginn bei etwa 0,5 Prozent des Lohns vor, der später auf etwa 2 Prozent ansteigen soll.
Um die anfängliche fehlende Rendite eines solchen Fonds auszugleichen, soll der Staat vorübergehend mit Haushaltsmitteln einspringen, um sicherzustellen, dass das allgemeine Rentenniveau während der Übergangsphase erhalten bleibt. Langfristig, so argumentieren Befürworter, könnte das Modell die Leistungen stabilisieren und den Druck auf das traditionelle System verringern.
Die Vorschläge sehen auch eine Anpassung des gesetzlichen Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung vor. Nach dem diskutierten Konzept könnten jüngere Jahrgänge ein schrittweise steigendes Renteneintrittsalter erleben, wobei ein Szenario ab den frühen 2040er Jahren alle zehn Jahre ein zusätzliches halbes Jahr vorsieht. Die Kommission prüft zudem ein Zielverhältnis von Arbeitsjahren zu Rentenjahren von etwa zwei zu eins, das die Länge des Erwerbslebens an demografische Trends koppelt.
Gleichzeitig schlägt die Kommission mehr Flexibilität bei den Frühverrentungsregeln vor, wobei der Zugang möglicherweise weniger an Beitragsjahre und mehr an den Gesundheitszustand geknüpft wird, was die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen verschiedenen Berufsgruppen widerspiegelt.
Ökonomen begrüßen die Richtung der Reformen grundsätzlich, warnen aber, dass sie nicht weit genug gehen. Veronika Veronika Grimm kritisierte frühere Regierungsentscheidungen und argumentierte, dass diese das Rentensystem bereits in die falsche Richtung gelenkt hätten, insbesondere durch die Ausweitung der sogenannten „Mütterrente“-Leistungen und die Entscheidung, das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent zu stabilisieren.
Dieses 48-Prozent-Niveau – das Verhältnis zwischen einer Standardrente und dem Durchschnittslohn – ist zu einem zentralen politischen Anker geworden. Kritiker argumentieren, dass es faktisch höhere langfristige Kosten festschreibt. Bernd Bernd Raffelhüschen hat solche Garantien als „unfunded and unfair to younger generations“ bezeichnet und vor steigenden Beitragslasten im Laufe der Zeit gewarnt.
Arbeitgebervertreter haben ähnliche Bedenken geäußert. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hat davor gewarnt, dass die Beitragssätze in den kommenden Jahren auf 20 Prozent oder mehr steigen könnten, wenn die derzeitigen politischen Entscheidungen beibehalten werden, was die Arbeitskosten erhöhen und die Nettolöhne senken würde.
Innerhalb der Koalition bleibt der politische Druck jedoch hoch, die Rentenstabilität vor den anstehenden Wahlzyklen zu wahren. Die Regierungsfraktion unter Führung von Merz‘ CDU und der SPD besteht darauf, dass die 48-Prozent-Schwelle vorerst erhalten bleiben muss, wobei die Finanzierung teilweise auf den Bundeshaushalt verlagert wird.
Auch das IW hat davor gewarnt, dass es unrealistisch sein könnte, sich allein auf Wachstum und höhere Beschäftigung zur Finanzierung des Systems zu verlassen, und vor einer möglichen fiskalischen Belastung gewarnt, falls die demografischen Trends ungebremst anhalten.
Über die Renten hinaus hat die Debatte auch breitere Fragen zur Erwerbsbeteiligung, zu Rentenanreizen und zur Nachhaltigkeit des deutschen Sozialversicherungsmodells aufgeworfen. Der öffentlich-rechtliche Sender ARD berichtete, dass fast jeder dritte Arbeitnehmer derzeit mit Abschlägen in Rente geht, was den Druck auf das System weiter erhöht.
Die Vorschläge der Kommission werden voraussichtlich in den kommenden Tagen offiziell der Regierung vorgelegt, was den Auftakt für eine politische Verhandlung darstellt, die die künftige Gestaltung des deutschen Rentensystems bis weit in die nächsten Jahrzehnte prägen könnte.