Davos 2026 im Schatten der Spannungen zwischen Trump und Europa, während die Ukraine nicht mehr im Mittelpunkt steht

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2026 verlagert sich der Fokus von der Ukraine auf Spannungen zwischen Trump und Europa. Zölle, Sicherheitsfragen und strategische Autonomie dominieren die Gespräche.
Noch vor wenigen Wochen erwarteten viele Beobachter, dass die Ukraine die Diskussionen auf dem jährlichen Treffen der politischen und wirtschaftlichen Führungskräfte dominieren würde. Russland wurde weithin als die größte Sicherheitsherausforderung Europas angesehen, und die Unterstützung für Kiew sollte sowohl in öffentlichen Debatten als auch in privaten Gesprächen eine herausragende Rolle spielen.
Stattdessen hat sich die Aufmerksamkeit stark nach Washington verlagert.
Ein neuer Streit, ausgelöst durch die Haltung von US-Präsident Donald Trump zu Grönland und seine Entscheidung, Strafzölle auf mehrere europäische Länder zu erheben, hat die Stimmung in Davos verändert. Europäische Vertreter, die in den Schweizer Alpen ankommen, diskutieren nun nicht nur über Russlands Aktionen, sondern auch über die künftige Zuverlässigkeit der USA als engstem Verbündeten Europas.
Der Fokuswechsel spiegelt sich in der politischen Agenda des Forums wider. Ein Treffen zwischen Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, das viele als einen der prägendsten Momente des diesjährigen Treffens erwarteten, war bei Ankunft der Delegierten nicht angesetzt. Laut einem von Politico zitierten republikanischen Außenpolitikexperten bleibt Selenskyj zu einem Treffen mit Trump bereit, während das Zögern offenbar aus dem Weißen Haus kommt.
Auch die Teilnahme der Ukraine bleibt ungewiss. Selenskyj sagte kürzlich, er bleibe in Kiew, um die Vorbereitungen im Zusammenhang mit der Energieinfrastruktur und den Heizsystemen vor dem Winter zu überwachen. Er betonte, dass Gespräche mit internationalen Partnern zu konkreten Ergebnissen führen müssten, sei es durch die Stärkung der Sicherheit der Ukraine oder die Förderung von Bemühungen zur Beendigung des Krieges.
"If meetings in Davos can provide more protection for real people, real cities and villages in Ukraine, Ukraine will be in Davos," sagte Selenskyj. "If partners are not ready, all Ukrainian representatives should focus on concrete things that help our state and our citizens."
Der Mittwoch soll ein wichtiger Tag für Kiew sein. Die Anführer der sogenannten Koalition der Willigen sollen Trump treffen und seine Unterstützung für Post-Kriegs-Sicherheitsgarantien für die Ukraine suchen, die Anfang dieses Monats bei Gesprächen in Paris entwickelt wurden.
Doch die Ukraine ist nicht mehr das einzige geopolitische Anliegen, das die Delegierten beschäftigt.
Die umfassendere Frage, die die Gespräche dominiert, ist, ob das Verhältnis zwischen Europa und den USA in eine Phase dauerhafter Belastung eintritt. Trumps Zollmaßnahmen haben die Ängste vor einer transatlantischen Handelskonfrontation verstärkt und Diskussionen über mögliche europäische Gegenmaßnahmen ausgelöst.
Der französische Präsident Emmanuel Macron hat die EU-Mitgliedstaaten aufgefordert, zu prüfen, ob die sogenannte "Handelsbazooka" der Union aktiviert werden soll und den amerikanischen Zugang zu Teilen des europäischen Binnenmarkts zu beschränken. In Großbritannien haben einige Abgeordnete sogar vorgeschlagen, einen geplanten königlichen Besuch in den USA abzusagen – ein Vorschlag, der früher kaum vorstellbar gewesen wäre.
Die Atmosphäre hat die wachsende Wahrnehmung unter europäischen Politikern verstärkt, dass der Kontinent weniger abhängig von Washington werden muss – in Bereichen von Verteidigung und Sicherheit bis hin zu Technologie, Finanzen und Energie.
Europäische Medien haben Davos 2026 zunehmend als ein Forum beschrieben, in dem sich der Fokus von einzelnen Krisen auf die breitere Frage der Rolle Europas in einer fragmentierten Weltordnung verlagert hat. Diskussionen drehen sich darum, ob die Europäische Union ihr wirtschaftliches Gewicht in größere strategische Autonomie umwandeln kann, insbesondere angesichts des zunehmenden Wettbewerbs mit den USA und China.
Ideen, die einst als politisch fern galten, erhalten ernsthaftere Aufmerksamkeit. Dazu gehören Vorschläge zur Stärkung der EU-Verteidigungsfähigkeiten, zur Verringerung der Abhängigkeit von amerikanischen Sicherheitsgarantien und zur Entwicklung unabhängiger technologischer und finanzieller Infrastruktur, einschließlich Alternativen zu US-dominierten Zahlungssystemen.
Die in Davos aufkommenden Bedenken spiegeln breitere Ängste vor der Weltwirtschaft wider.
Die eigene Umfrage des Weltwirtschaftsforums unter Chefvolkswirten zeigt, dass fast neun von zehn erwarten, dass das globale Wachstum im kommenden Jahr schwächer wird, während fast alle eine höhere Inflation erwarten. Die Aussichten werden zusätzlich durch den Konflikt im Nahen Osten getrübt, der die Energiemärkte gestört und die Unsicherheit in Bezug auf Handel und Investitionen erhöht hat.
Vor diesem Hintergrund finden die Diskussionen des Forums unter dem Motto "Geist des Dialogs" statt. WEF-Präsident Børge Brende bezeichnete den Dialog als dringende Notwendigkeit in einer Zeit der Unsicherheit.
Nicht alle teilen den Optimismus.
Mark Leonard vom European Council on Foreign Relations argumentierte, dass die dominierende Geschichte in Davos eher von Störung als von Stabilität handeln werde. Technologischer Wandel, Klimabelastungen, wirtschaftliche Schocks und politische Turbulenzen, so sagte er, kombinierten sich zu einer Welt der "Unordnung", in der traditionelle Regeln und Machtstrukturen mit der Realität kaum noch Schritt halten könnten.
Diese Bedenken gehen über die Wirtschaft hinaus. Sicherheitsexperten, die am Forum teilnehmen, warnen weiterhin vor hybriden Bedrohungen im Zusammenhang mit Russland, darunter Cyberangriffe, Sabotage, Desinformationskampagnen und Druck auf die europäischen Grenzen. Während die Unterstützung für die Ukraine in ganz Europa weitgehend intakt bleibt, sehen Analysten Moskau solche Aktivitäten zunehmend als Teil einer umfassenderen Konfrontation mit dem Westen.
Die Versammlung selbst spiegelt das Ausmaß der diskutierten Herausforderungen wider. In diesem Jahr werden in Davos rund 3.000 Teilnehmer erwartet, darunter rund 65 Staats- und Regierungschefs, sechs G7-Führungspersönlichkeiten und etwa 1.000 Vorstandsvorsitzende und Technologieführer.
Gleichzeitig findet in China ein weiteres großes Treffen des Weltwirtschaftsforums statt. Das Jahrestreffen der Neuen Champions, oft als "Summer Davos" bezeichnet, wurde am 23. Juni in Dalian unter dem Motto "Innovating at Scale" eröffnet. Mehr als 1.700 Führungskräfte aus über 90 Ländern nehmen an Diskussionen teil, die sich auf veränderte Handelsmuster, Chinas wirtschaftlichen Wandel, künstliche Intelligenz, Beschäftigung und die Energiewende konzentrieren.
Der Kontrast zwischen den beiden Versammlungen ist bemerkenswert. Während Dalian sich weitgehend auf Wachstum, Innovation und die Zukunft des globalen Handels konzentriert, ist Davos zu einem Ort geworden, an dem europäische Führungskräfte tiefergehende Fragen zu Sicherheit, wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit und der Zukunft der internationalen Ordnung angehen.
Ob die Woche konkrete Antworten bringt, bleibt unklar. Für viele Teilnehmer lautet die zentrale Frage nicht mehr, wie man eine sich verändernde Welt managt, sondern wie schnell sich diese Welt verändert und ob bestehende Allianzen und Institutionen rechtzeitig anpassen können.